
Des Alltagswahnsinns fette Beute
Humorist Winfried Wagner gastierte bei „Kultur in der Kelter“ und unterhielt vortrefflich mit den Tücken des Beleibtseins
NECKARTAILFINGEN – Wenn Winfried Wagner erzählt, dann quietscht es im Publikum vor Vergnügen. So war das auch bei der jüngsten Veranstaltung aus der losen Reihe „Kultur in der Kelter“, die am Freitag Abend die historische Kelter in Neckartailfingen bis auf den letzten Platz gefüllt hatte: Denn der rundliche Humorist aus Dettingen an der Erms weiß, wie man den Wahnsinn des scheinbar Alltäglichen so in Worte verpackt, dass kein Auge trocken bleibt.
RALPH GRAVENSTEIN
Er ist eigentlich fast rein äußerlich ein Prototyp des gesetzten Schwaben: Rundlich, stets mit einem milden Lächeln auf den Lippen, und er erzählt, wie ihm die „Gosch“ gewachsen ist. Und eigentlich spricht Winfried Wagner auf dem Podium von ganz alltäglichen Dingen: Doch wie er das tut, das ist unnachahmlich komisch. Denn der Humorist und Autor vieler Bücher versteht es, jedermanns eigene Erfahrungen so zu überzeichnen, dass man sich vor Lachen biegen möchte. Und so bogen sich auch die 120 Besucher seines Auftritts in der Kelter in Neckartailfingen, der von Traude Hörner mit Unterstützung der Gemeinderatsfrauen organisiert worden war.
Unnachahmlich etwa Wagners Erzählung von einem Zahnarztbesuch, der ihm – wie wohl den meisten im Publikum auch – so gar nicht behagen wollte: Angefangen mit einem verzweifelten Ausweichen vor dem Unausweichlichen über Fluchtversuche aus der Zahnarztpraxis bis hin zur schwäbisch-bildhaften Schilderung von der Behandlung des an einer Brezel ausgebissenen Zahns, kitzelte Wagner genüsslich Pointe auf Pointe aus seinem dentalen Martyrium heraus.
Er denunziert mit seinen Geschichten nicht, nimmt sich vielmehr selbst auf die Schippe – auch, wenn er zuweilen die Rollen vertauscht und seine noch aus SDR-Zeiten bekannten „Emberle-Briefe“ vorträgt, in denen der fiktive Eugen Emberle seine Erlebnisse mit seiner voluminösen Gattin Elfriede schildert: Ehealltag in ganz groß schildert Wagner da, und wenn er über die Tücken des Dickseins von Elfriede erzählt, meint er doch sich selbst, wie er erklärt. Zur großen Freude des Publikums berichtet Wagner dann etwa von Abenteuern im Thermalbad Beuren, wo Elfriede zunächst auf Grund ihres Körperbaus im Drehkreuz zu den Umkleidekabinen stecken bleibt oder ihr unbeabsichtigter Einschlag ins Kneipp-Tretbecken dieses völlig entleert. Auch wurde ihr die eigene Körperfülle beim Nacktbaden auf Teneriffa zum Verhängnis, strandete sie doch auf Grund heftiger Brandung auf einem Felsen.
Überhaupt berichtet Wagner gerne und köstlich von den Kümmernissen, die man so hat, wenn die eigene, normale Körpergröße nicht zum durchaus hohen Körpergewicht passt.
Verschiedenste Bemühungen um das Abnehmen prägen seine komischen Geschichten, etwa die von einem Sanatoriumsaufenthalt („zwangsangemeldet von der Ehefrau“), der mit Darm-, Eiswasser- und Lehmbädern etliche körperliche Herausforderungen zu bieten hatte, dafür aber keinerlei kulinarischen Höhepunkte – all dies sehr zum Leidwesen des rundlichen Erzählers, aber sehr zum Spaß der Zuhörer.
Auch das Probetraining im Fitness-Studio geriet laut Wagner eher zum persönlichen Waterloo als zur Gewichtsreduktion, und auch seine Versuche, mit einem Saunabesuch dem Fett zu Leibe zu rücken wurden nach seinen Worten zum Fehlschlag: „Gschwitzt hab i wie sonschd nur beim Mittagessa“, so die Einstufung der Temperatur, die ihm irgendwann eine Ohnmacht bescherte. Immerhin habe er in der Sauna aber jemanden entdeckt, der noch dicker gewesen sei als er. Die als „Litfaß-Frau“ bezeichnete Dame wurde ihm jedoch gleich mehrfach zum Verhängnis, da seine Fluchten vor einer Begegnung mit ihr grundsätzlich scheiterten.
Und auch die Welt des Wintersports ist nicht unbedingt Wagners Domäne, wie er aus seiner Zeit als Vorsitzender der Albvereinsortsgruppe Metzingen zu erzählen wusste: Da wurde er nämlich von den Aktiven der Skizunft zu einem Anfängerkurs im Langlauf verdonnert. „Die Huckel im Eisenrüttel bei Dottingen, die sind von mir“, bezichtigte sich Wagner selbst des Verursachens erheblicher Flurschäden.
Nein, Abnehmen, das ist nicht Wagners Steckenpferd, eher das Gegenteil davon: Kulinarisch macht ihm keiner etwas vor, wenn er etwa sein Rezept von Gans in Cognac lebensnah vorträgt und den heftigen Schwips auf Grund des stetigen Alkoholgenusses während des Geflügelgarens in seine Erzählung einfließen lässt. Und er ist auch sehr pragmatisch veranlagt, wenn er etwa am Schluss seines Programms gar nicht erst die Bühne verlässt, sondern gleich die Zugaben ansagt: „Ich lauf’ doch nicht erst raus und komm dann sowieso wieder rein“, brummelte er zur Begeisterung der Zuschauer ins Mikrofon.
Doch nach gut zwei Stunden war er dann doch schon zu Ende, dieser Abend mit Winfried Wagner: Der verstand es nicht nur, mit Geschichten aus dem Alltag trefflich zu unterhalten, sondern auch niemanden außer sich selber gekonnt durch den Kakao zu ziehen.


Er weiß zu erzählen und sich selbst dabei handfest aufs Korn zu nehmen: Humorist Winfried Wagner gastierte bei „Kultur in der Kelter“ in Neckartailfingen und hatte dabei die Lacher auf seiner rundlichen Seite.
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